Wirtschaftswende Ost

Ein Geschichtsprojekt über die ostdeutsche Wirtschaft in den Wendejahren 1989 bis 1994




VEB Automobilwerke Ludwigsfelde

"START" – Die Wende (in) einer Betriebszeitung (02)

Betriebszeitung Start im Stadtarchiv Ludwigsfelde Gesammelt: Die "START"-Ausgaben im Stadtarchiv Ludwigsfelde
Sommer/Herbst 1989: Die Nachrichten über die Botschaftsflüchtlinge in Prag oder Budapest, die offizielle Grenzöffnung zwischen Ungarn und Österreich Mitte September sowie die Ausreise der Prager Botschaftsflüchtlinge mit Sonderzügen in die Bundesrepublik Anfang Oktober machten auch in der DDR die Runde. Interessant für unser Projekt ist natürlich die Frage, wie diese Entwicklung innerhalb der Betriebe kommuniziert wurde. Hierzu haben wir die Betriebszeitung "START" des VEB Automobilwerke Ludwigsfelde (AWL) durchgesehen.

Dieser Beitrag ist Teil einer kleinen Artikelserie, die hier nach und nach erscheinen wird.

Teil 2: Machtwechsel an der SED-Spitze (Oktober 1989)

Egon Krenz, Staatsratsitzung Oktober 1989 Egon Krenz bei der Staatsratsitzung am 24. Oktober 1989 (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1024-035 / Oberst, Klaus, via Wikipedia DE, Lizenz: CC-BY-SA 3.0 DE)
Am 18. Oktober 1989 verkündete Erich Honecker auf der 9. Tagung des Zentralkomitees (ZK) der SED seinen Rücktritt. Zu seinem Nachfolger als Generalsekretär des ZK wurde Egon Krenz gewählt (ein paar Tage später auch Nachfolger als Vorsitzender des Staatsrates der DDR und als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates). Der neue Generalsekretär der SED wandte sich noch am Abend des gleichen Tages mit einer Rede im DDR-Fernsehen an die Bürger der DDR. Damals bekannte er sich als erster Regierungsvertreter erstmals öffentlich zu der politischen und ökonomischen Krise im Land. Er räumte ein, dass "in den vergangenen Monaten die gesellschaftliche Entwicklung in unserem Lande in ihrem Wesen nicht real genug eingeschätzt und nicht rechtzeitig die richtigen Schlussfolgerungen gezogen" worden seien. Zudem versprach er: "Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten."

Wenige Tage später, in der Ausgabe vom 25. Oktober 1989, nahm im "Start" ein Parteigruppenorganisator aus dem Bereich Erzeugniskonstruktion zur Rede von Egon Krenz Stellung: "Die personelle Umbildung an der Spitze des Zentralkomitees im Ergebnis der 9. Tagung war ein längst fälliger Schritt. Die Rede von Egon Krenz signalisiert den Wendepunkt, sie erfüllt aber auch die hohen Erwartungen noch nicht ausreichend. Ich betrachte sie als Appell, auch an die Techniker, Ingenieure und Konstrukteure, mitzuhelfen, den Dialog offen zu führen, um Wege aus der gegenwärtigen Situation zu finden. Schnelle Lösungen müssen folgen. (...) Bis zum 19. Oktober 89 war für uns [Konstrukteure] nicht erkennbar, wie und mit welchen Mitteln das Leistungsprinzip durchgesetzt, schnell wesentlich bessere Waren ins Angebot kommen, die Frage der Reisemöglichkeiten, zweite Währung, Intershop gelöst werden soll. Die Fernsehdiskussion im Ergebnis der von Egon Krenz eingeleiteten Wende läßt nun Wege im Ansatz erkennen."

Gleichzeitig mahnte er aber auch "schnelle Entscheidungen und Reaktionen" von der Betriebsleitung an, um die Produktion im AWL stabiler und besser zu gestalten: "Wie sind uns für Produktionseinsätze nicht zu schade, aber sie dürfen nicht Regel und Normalität sein. (...) Es geht einfach nicht mehr, die Ersatzteilforderungen seit Jahren nicht zu erfüllen, dafür aber nicht dem internationalen Stand und den Bedarfsforderungen entsprechende NKW [Nutzkraftwagen] zu produzieren, mit überdurchschnittlichem Aufwand, viel Nacharbeit, in schlechter Qualität für hohe Löhne. Wir wollen und müssen schnell bessere NKW entwickeln, die gebraucht und absetzbar sind."

Nicht minder kritisch äußerte sich eine Woche später in der Ausgabe vom 1. November 1989 ein Fahrzeugschlosser aus der L60-Produktion: "Im Ergebnis politischer Ereignisse in der DDR sind mit der Wahl eines neuen Generalsekretärs und der durch ihn abgegebenen Erklärung noch rechtzeitig Schritte eingeleitet worden, um eventuellen Spekulationen vorzubeugen. Meines Erachtens kommt diese Entscheidung etwas zu spät. Hätte man sich nicht schon in Durchführung des XI. Parteitages [d.h. im April 1986] mit Veränderungen im Kaderbereich befassen müssen? (...) Werden wir die gegenwärtig angespannte Lage dazu nutzen können, einem Großteil der Bevölkerung Lösungswege aufzuzeigen? Als sehr wichtig erachte ich solche Schwerpunkte wie: Respektierung der Meinungsbildung von unten nach oben, offene Führung eines innenpolitischen Dialoges, Mut zur Wahrheit, reale Einschätzung der Lage, Aufbau eines gewachsenen Vertrauensverhältnisses zwischen Partei und Volk."

<< Zurück zu Teil 1: Abstimmung mit den Füßen (August/September 1989)

Weiter zu Teil 3: Das 1. Sonntagsgespräch der Automobilwerker [In Vorbereitung] >>


(c) 2014-2015 Wirtschaftswende Ost - ein Projekt vom GeschichtsKombinat | Impressum | Sitemap