Wirtschaftswende Ost

Ein Geschichtsprojekt über die ostdeutsche Wirtschaft in den Wendejahren 1989 bis 1994




VEB Automobilwerke Ludwigsfelde

"START" – Die Wende (in) einer Betriebszeitung (01)

Betriebszeitung Start im Stadtarchiv Ludwigsfelde Gesammelt: Die "START"-Ausgaben im Stadtarchiv Ludwigsfelde
Sommer/Herbst 1989: Die Nachrichten über die Botschaftsflüchtlinge in Prag oder Budapest, die offizielle Grenzöffnung zwischen Ungarn und Österreich Mitte September sowie die Ausreise der Prager Botschaftsflüchtlinge mit Sonderzügen in die Bundesrepublik Anfang Oktober machten auch in der DDR die Runde. Interessant für unser Projekt ist natürlich die Frage, wie diese Entwicklung innerhalb der Betriebe kommuniziert wurde. Hierzu haben wir die Betriebszeitung "START" des VEB Automobilwerke Ludwigsfelde (AWL) durchgesehen.

Dieser Beitrag ist Teil einer kleinen Artikelserie, die hier nach und nach erscheinen wird.

Teil 1: Abstimmung mit den Füßen (August/September 1989)

Paneuropäisches Picknick 1989 DDR-Bürger flüchten beim Paneuropäischen Picknick an der ungarisch-österreichischen Grenze am 19. August 1989. (Bild: Wik1966total, via Wikipedia DE, Lizenz: CC-BY-SA 3.0)
19. August 1989: Beim Paneuropäischen Picknick an der ungarisch-österreichischen Grenze gelang zwischen 600 und 700 DDR-Bürgern die Flucht nach Österreich. Gleichzeitig füllten sich die Botschaften der Bundesrepublik in einigen ostdeutschen "Bruderstaaten" der DDR mit einer wachsenden Zahl an Flüchtlingen. In der Betriebszeitung "Start" wurde der anhaltende Flüchtlingsstrom offenbar erstmals in der Ausgabe Nr. 34 vom 23. August 1989 aufgegriffen. Dies geschah mit dem Abdruck des zuvor in der parteiinternen SED-Zeitschrift "Was und Wie" (Heft 8-9/1989) erschienenen Artikels "Menschheitsprobleme – was hat der Kapitalismus gelöst?".

Zwar wurde die wachsende Abstimmung der Bevölkerung mit den Füßen darin selbst gar nicht erwähnt. Stattdessen erinnerte der Artikel aber daran, dass selbst in den 24 am weitesten entwickelten kapitalistischen Staaten, den OECD-Ländern, noch "nicht einmal die schwerwiegendsten (Probleme), wie Obdachlosigkeit und Arbeitslosigkeit, Hunger und Armut, Rassismus und Drogensucht" gelöst wurden. Und auch den oft reklamierten "Wohlstand für alle" habe man dort nicht erzielen können. Insgesamt blieben "für die Mehrheit der Bevölkerung vieler kapitalistischer Länder Wohlstand und Zukunftssicherheit ein Traum". Der Artikel schließt mit der Mahnung: "Auch wenn der Kapitalismus da und dort äußeren Glanz ausstrahlt und seine entwickeltsten Länder noch eine höhere Arbeitsproduktivität haben als wir – die Grundprobleme dieser Welt im Interesse der Menschen zu lösen vermag er nicht."

Einen guten Monat später – inzwischen hatte Ungarn in der Nacht zum 11. September 1989 seine Grenzen zu Österreich offiziell geöffnet und ließ DDR-Bürger ungehindert ausreisen – wurde das weiterhin starke Ausreiseinteresse der DDR-Bürger in der Ausgabe Nr. 39 vom 27. September 1989 erneut indirekt thematisiert. Unter der Überschrift "Alltag im 'goldenen' Westen. Wie ihn die BRD-Medien selbst sehen" wurden auszugsweise vier Berichte westdeutscher Medien zitiert. Dabei handelte es sich um die folgenden Auszüge...

...aus dem "stern", Nr. 34 vom 17. August:
"25.000 legale Übersiedler aus der DDR sind im goldenen Westen ohne Job – ist Arbeitslosigkeit etwa keine Unfreiheit? Begrüßungsworte in überfüllten Aufnahmelagern sind im Alltag schnell vergessen. Wer nicht schon Jahrzehnte in dieser westdeutschen Leistungsgesellschaft mittrainiert hat, muss in die Hoffnungsläufe. Und auch die können, siehe zwei Millionen Dauerarbeitslose, für viele endlos sein. Gerade wer aus dem warmen Nest DDR kommt, friert hier schnell."

...aus der "Berliner Morgenpost", Berlin-West, vom 16. August 1989:
"Bausenator Nagel wie Sozialsenatorin Stahmer bedauerten, daß es wegen der dramatischen Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt zu ablehnenden Stimmungen gegenüber Neu-Berlinern aus der DDR und Polen komme. Die immer wieder zu hörende Behauptung, Aus- und Übersiedler würden bei der Wohnungsvergabe bevorzugt, sei falsch, sagte Nagel. (...) Bei der Wohnungsvergabe erhalte diese Zielgruppe aber nur 22 Prozent der freiwerdenden und neu zur Verfügung stehenden Sozialwohnungen."

...aus einem Interview des "Deutschlandfunk", Köln, mit einem Mitarbeiter des "Verbandes ehemaliger DDR-Bürger" [undatiert]:
"Bei Problemgruppen, bei Obdachlosen, Alkohol- und Drogenkranken zum Beispiel, wächst der Prozentsatz von Betroffenen mit DDR-Vergangenheit stärker an. Ein Grund dafür mit ist, daß man hier mit den negativen Gegebenheiten, die einem hier über den Weg laufen können von früh bis abends, nicht fertig wird. Das sind dann solche Probleme wie kaum nach Übertritt eine totale Verschuldung, weil man in Kredit- und Versicherungsfragen dann reinstolpert in Dinge, die man einfach nicht gewöhnt ist von seiten des DDR-Alltags her."

...aus der "Berliner Morgenpost", Berlin-West, vom 28. Juli 1989:
"Die gesundheitliche Verfassung vieler Aus- und Übersiedler ist katastrophal. Das hat eine Befragung von 2.000 Angehörigen dieses Personenkreises durch die Arbeitsgemeinschaft ost- und mitteldeutscher Übersiedler in Berlin ergeben. (...) Als erschütternd bezeichnete die Ärztin Gabriele Kondziella die gesundheitliche Verfassung der Kinder. Symptome einer ständigen extremen Streß-Situation seien häufiges Weinen, Schreien, Nägelkauen und Sprachstörungen der Kinder. Zehn Prozent der Kleineren seien wieder zu Bettnässern geworden. Da keine Kindergartenplätze zur Verfügung stehen, müßten die kleinen Kinder die Eltern bei den Behördengängen begleiten und erlebten deren Ängste, Sorgen und Depressionen mit. Wegen der räumlichen Enge litten sie unter einem ständigen Mangel an Schlaf."

Gemeinsam war allen vier Meldungen der Grundtenor, dass Ausreisewillige in der Bundesrepublik mitnichten mit offenen Armen empfangen wurden und sie sich auf wenig rosige Lebensumstände (auch für ihre Kinder) einstellen müssten. Sehr wahrscheinlich spielte beim Abdruck der Artikel auch die angespannte Arbeitskräftesituation innerhalb des Werkes eine Rolle, die sich durch die Ausreisewelle zu verschlimmern drohte.

Darauf lässt zumindest ein Interview mit dem (Personaldirektor?) Lothar Keyselt in der Ausgabe 45 vom 8. November 1989 schließen. Darin bestätigte Keyselt, dass mit Stand vom 2. November "118 ehemalige Autowerker zur vermeintlichen Lösung ihres persönlichen Problems den Weg des illegalen Verlassens unserer Republik gewählt haben". Insgesamt betrage "das Fehl an Arbeitskräften" im Betrieb 494 VbE [Vollbeschäftigteneinheiten, d.h. Vollzeitstellen].

Zu den Auswirkungen, die sich dadurch auf das Automobilwerk Ludwigsfelde ergaben, betonte er, "daß ein Ersatz dieser Arbeitskräfte aus dem Vermögen unserer Volkswirtschaft nicht möglich sein wird. Wir werden diese Verluste in erster Linie durch größere Anstrengungen in allen Bereichen ausgleichen müssen. (...) Während sich im Produktionsgrundprozeß durch mögliche zusätzliche sozialistische Hilfen in gewissem Maße noch ein Ausgleich organisieren läßt, ist eine Reihe von Spezialisten z.B. im Instandhaltungsprozeß kurzfristig nicht ersetzbar. (...) Sicherlich wird meines Erachtens auch manch dringend notwendige Reparatur bei allem Engagement der Instandhaltungskollektive nicht so kurzfristig realisiert werden können wie erforderlich."

Zudem mahnte Keyselt, dass "in allen Bereichen der Fluktuation ein energischer Kampf angesagt werden" müsse: "Ich muß mich sehr kritisch an viele Leiter und Funktionäre wenden, die bisher in ungenügender Weise das Gespräch mit ihren Kollegen gesucht haben, um sie für eine Tätigkeit in unserem Betrieb zu erhalten. Mit solchen Bemerkungen 'Dann mußt Du eben gehen' wird die Fluktuation nicht eingedämmt, sondern gefördert. Diese Leiter sind sich genausowenig wie Flukturierende bewußt, daß sie mit jedem Arbeitsplatzwechsel volkswirtschaftlichen Schaden organisieren, da vorhandene Arbeitsplatzerfahrungen verlorengehen."

>> Weiter zu Teil 2: Machtwechsel an der SED-Spitze (Oktober 1989)


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